Betty Mahmoody - Nicht ohne meine Tochter

Betty Mahmoody – Nicht ohne meine Tochter

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Das berühmte Schicksal

Es war Anfang der Jahrtausendwende als meine Mutter viele Bücher von Freunden auslieh und las. Und immer noch interessiert sie sich fast ausschließlich für Frauenschicksale. Wenn das Buch gut war, wurde es jedem empfohlen. So auch „Nicht ohne meine Tochter“ von Betty Mahmoody. Ein Gassenhauer der Neunziger Jahre. Und meine Mutter hielt mir dieses Buch auch als Mahnmal hin: ich sollte es lesen und daraus meine Schlüsse ziehen. Ich habe es auch aus Trotz damals nicht gelesen (aber ich war auch noch zu jung für das Thema). Durch die Bücherkulturchallenge habe ich es nun doch gelesen. Und auch meine Schlüsse daraus gezogen.

Das Schicksal ist schnell erzählt: Die Amerikanerin Betty Mahmoody ist mit dem Iraner Moody verheiratet. Beide haben eine fünfjährige Tochter. Mitte der 80er Jahre fliegen sie für zwei Wochen in den Iran. Der erste Familienurlaub im Heimatland des Ehemannes. Leider hält Moody die Tochter und Betty im Iran fest. Er möchte im Iran bleiben und sich dort ein neues Leben aufbauen. Betty setzt nun heimlich alles daran, sich selbst und die gemeinsame Tochter aus den Fängen des Ehemannes zu entkommen und in das sichere Amerika zu fliehen.

Es ist nun wirklich kein Spoiler, wie das Buch ausgeht: Betty kann mit Tochter fliehen. Sonst hätte sie dieses Buch wohl auch kaum schreiben können. Vor ein paar Jahren schrieb sogar die Tochter ein Buch über ihre Sicht der Erlebnisse. Und doch kann man an sich natürlich nicht das Schicksal der beiden hier bewerten. Doch ein paar Anmerkungen müssen sein. Geschrieben ist das Buch sehr einfach, was auch auf den Bestsellerstatus hinweist. Meine gebrauchte Ausgabe ist von Mitte 1991. Die 41. Auflage nach dem Erscheinen der deutschen Erstauflage von 1988.

Betty Mahmoody - Nicht ohne meine Tochter

Der Erzählungsstrang beginnt mit der Anreise in den Iran. Dort wird Betty mit vielen Auffassungen der Gesellschaft konfrontiert, die sie so noch nicht kannte (auch nicht von ihrem Ehemann). Anfangs hofft sie noch auf eine Erlösung durch die Rückkehr in die USA. Doch eigentlich war ja die Reise in den Iran als Eherettung angedacht. Funktionierte ja bekannterweise so gar nicht. Wenn man diese Story hört, ohne das Buch gelesen zu haben, kann man schnell kritisieren, dass Betty Mahmoody selbst schuld an ihrem Schicksal wäre. Sie wusste ja, dass ihr Mann ein Iraner war und aus einer komplett anderen Gesellschaftsstruktur kommt. Im Buch versucht die Dame aber, diese Tatsache abzuschwächen. So beginnt das Buch mit der Anreise. Aber wie es überhaupt zu dieser Reise kam, wird erst sehr spät im Buch erklärt. In wenigen Rückblenden erinnert sich Betty an die Zeit vor dem Iran. Da, wo sie noch einen scheinbar liebenden Ehemann hatte. Bis alle Veränderungen, Warnungen, Hinweise auf die Iranreise dem Leser unterbreitet werden, hat man vorher alle Leiden der Frau Mahmoody im Iran erfahren. Für mich fühlte sich das schon wie eine Strategie an: man erzeugt erst viel Mitleid für die Protagonistin. Das schwächt dann die eigentlichen Hintergründe, dass „sie-hätte-es-aber-wissen-können“ ab. Schade, dass das Buch so strategisch auf das Unterbewusstsein des Lesers ausgerichtet wurde.

Ein weiterer und auch sehr häufiger Kritikpunkt, der in so einigen Meinungen zu dem Buch erwähnt wurde, ist der kulturelle Aspekt. Oft wird kritisiert, dass sie den Iran und alle Iraner hasst. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass sie den Iran als schlechtes Land darstellt. Das Buch spielt in den 80er Jahren. Jahre des Umbruchs, des Krieges im Iran. Die Gesellschaft bekommt falsche Bilder der westlichen Welt vorgesetzt. Was soll denn da eine Amerikanerin schreiben, wenn sie in dem Land festgehalten wird? Oft verweist sie auf Personen, die ihr in irgendeiner Art und Weise helfen. Ihr Ärger richtet sich gegen ihren Mann, der doch sehr herrisch wurde und zum Teil auch gegen seine Familie. Es sind Familienprobleme. Diese hätten auch in einem anderen Land der Welt genauso passieren können. Die Umstände im Iran erschweren Bettys Dilemma nur noch.

Man merkt also, dass Frau Mahmoody dieses Buch sehr bewusst geschrieben hat. Natürlich auch als Warnung. Hätte die Dame aber einmal klar das Eheleben in den USA reflektiert, wäre sie wohl nie in den Iran gereist. Im Endeffekt tat sie es im Glauben an die Liebe. Die Liebe kann uns blind machen. Immer wieder hofft man auf ein gutes Ende. Das hat letztendlich auch Betty bekommen. Nur nicht so wie sie es wollte: mit einem liebenden Ehemann.

Trotzdem kann man festhalten, dass Betty Mahmoody eine starke Frau ist. Sie ließ ihre Tochter nicht im Stich und hat auch immer in das Kind hineinversetzt. Sie musste lügen, Freunde hintergehen, die gute Ehefrau im Iran spielen. Doch sie hat sich trotz der Angst nicht abbringen lassen: sie hat die Flucht mit Kind geschafft.

Letztendlich wusste ich ja schon, was meine Mutter damals mit diesem Buch bezwecken wollte: sie hatte Angst, dass ich einen „Ausländer“ heiraten würde und mir dann das gleiche Schicksal wie Frau Mahmoody blühen würde. Damals wie heute ist mir die Herkunft meines Zukünftigen egal. Es kommt doch auf die Liebe an.

2 Kommentare

  1. Ich habe das Buch damals in den 90ern gelesen und würde es auch meiner Tochter geben. Genau wie ich ihr den Film „Es geschah am hellichten Tag“ zeigen würde. Da Liebe bekanntlich blind macht ist es nicht verkehrt einen Augenmerk auf die unterschiedliche Stellung der Frau und Familie in anderen Ländern aufmerksam zu machen. Eine Freundin von mir hatte auch eine 8 Jährige Beziehung zu einem Iraner. Alles bestens. Bis er sie betrogen hatte. Aus der Beziehung ging ein Sohn hervor. Sie hatte immer Angst, dass er irgendwo auftaucht und ihn in den Iran entführt, da er es oft angedroht hatte. Es ist also immer noch aktuell und klar – wichtig ist wo die Liebe hinfällt, aber trotzdem sollte man auch wissen, was einen erwarten könnte.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

  2. Hat dies auf Persophonie: Kultur-Geschichte rebloggt und kommentierte:
    Heute noch einmal ein rebloggter Beitrag, bevor ich Ihnen dann hoffentlich neue eigene Inhalte vorzustellen habe.

    Ich dachte, wie machen es dieses Mal ausnahmsweise etwas politischer und kontroverser und schauen uns eine Rezension zu Betty Mahmoodys unsäglichem Buch „Nicht ohne meine Tochter“ an. Es gäbe dazu natürlich vieles zu sagen.

    Ich möchte mich hier aber auf die Anmerkung beschränken, daß dieses Machwerk (das Buch, nicht die Rezension) schon durch innere Widersprüche zeigt, in welchem Geiste und zu welchem Zwecke es verfaßt worden ist.

    Beispiel: An einer Stelle wird erwähnt, daß aufgrund der täglichen Morgendusche bei den Verwandten des Ehemannes in Iran der Eindruck entsteht, daß das Paar in der Nacht Verkehr hatte (weil das für Muslime nämlich das Erfordernis einer rituellen Ganzkörperwaschung nach sich zieht). An anderer Stelle heißt es dann (ich glaube, im Zusammenhang mit dem Nourûz-Fest): „Einmal im Jahr nimmt jeder Iraner ein Bad.“

    Aber es gibt auch Kollegen, die sich ausführlicher mit dem Buch befaßt und es unter verschiedenen Aspekten analysiert haben mit dem Ergebnis, daß es eine sehr gezielt (und tendenziös) mit allerhand rhetorischen Mitteln gestaltete Geschichte ist – dadurch natürlich gut zu lesen, aber dummerweise ist nicht mehr erkennbar, was sich denn nun tatsächlich wie zugetragen hat. Schade eigentlich, daß sich dieser „Erfahrungsbericht“ selbst so diskreditiert.

    Auch das Selbstbild der Amerikanerin als Angehörige einer „friedliebenden Nation“, die nicht verstehen kann, wieso die Iraner so versessen sind, Krieg zu führen (!), hat vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen fast schon komischen Charakter.

    Nicht zu vergessen, daß die „Autorin“ (sie hat das meines Wissens nicht selbst geschrieben) sich zu Beginn des Buches auffällig hartnäckig weigert, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie mit einem Mann aus einer anderen Kultur verheiratet ist. (Wer auch nur die geringste Erfahrung mit interkulturellen Beziehungen hat, schlägt schon an diesen Stellen die Hände über dem Kopf zusammen und weiß, daß das selbst unter besten Umständen auf Dauer wohl nicht gutgehen wird.) Das berechtigt den Ehemann natürlich nicht, seine Frau gegen ihren Willen in seiner Heimat festzuhalten. Aber wer weiß schon, was damals wirklich vorgefallen und wie die ganze Geschichte abgelaufen ist?

    Kurz gesagt: Ich finde diese Rezension insgesamt noch zu positiv und unkritisch, aber für jemanden, der möglicherweise nie in Iran war und vielleicht keine tieferen Einblicke in die Kultur hat und auch keine literaturwissenschaftliche Analyse durchführen konnte, ist sie beachtlich ausgewogen.

    Lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten und ob Sie mehr zu diesem zugegebenermaßen schon etwas abgestandenen und womöglich nicht mehr relevanten Thema lesen möchten.

    Gefällt mir

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