Linda Winterberg - Unsere Tage am Ende des Sees

Linda Winterberg – Unsere Tage am Ende des Sees

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Mutterprobleme vor Jugendliebe

Das Buch: Hannah ist unglücklich. Ihr Ehemann ist verstorben, die Tochter weit weg in den USA, der Job macht keinen Spaß und das große Haus ist leer. Als eines Tages ihre Mutter anruft, kann sie es nicht fassen. 25 Jahre herrschte Funkstille zwischen den beiden. Doch sie wagt es und ruft die Mutter zurück. Kurz darauf fährt sie von Hamburg zurück in ihre bayerische Heimat. Und somit auch zurück in die Zeit des Aufbruches vor 25 Jahren. Denn dort hat sie auch ihre große Liebe verlassen. Ob sie sich mit ihrer Mutter versöhnen kann? Findet sie ihre Jugendliebe wieder? Und was hat Hannah dazu gebracht, die Heimat vor so langer Zeit zu verlassen und allen den Rücken zuzukehren?

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Das Fazit: Dieses Buch passt wie perfekt in die Riege der Bücher, die vom Buchtitel und Klappentext ein anderes Buch als es tatsächlich ist beschreiben.[1] Der Leser wird durch bestimmte Schlagwörter („Alexander“, „erste große Liebe“, „nie vergessen“, „nicht aufgehört, an sie zu denken“, „eine große Liebesgeschichte“, „tieftraurig und sehr romantisch“) und Coverdesign auf die völlig falsche Fährte gelenkt. Am Ende bleibt der Leser eher enttäuscht zurück, da das Buch nicht das halten konnte, was der Klappentext verspricht. Hat man natürlich das Buch bereits gelesen, findet man auch die richtigen Schlagwörter im Klappentext: „bewegendes Schicksal zweier Frauen“, „Mutter“ und „kein anderer Ausweg“.

Der Aufbau des Buches ist leicht erzählt: abwechselnd springt der Leser zwischen den zwei Zeitebenen bezogen auf eine Person hin und her. Einerseits wird Hannah die Ältere, bei ihrer Rückkehr zu ihrer Mutter begleitet. Andererseits findet Hannah die Jüngere die große Liebe. Und das vor 25 Jahren.

Fangen wir mit Hannah der Älteren an: Sie hat vieles durchlebt, Tod des Ehemannes, Tochter wird Flügge und über die Ereignisse vor 25 Jahren wird eh geschwiegen. Doch nach dem plötzlichen Anruf der Mutter findet sie den Weg zurück in die Heimat. Und lebt dort, als wäre absolut nichts passiert. Mutter und Tochter (die 25 Jahre keinen Kontakt hatten) haben stets ein gutes Verhältnis, verbringen viel Zeit miteinander und tun so, als wäre nie etwas passiert. Dass natürlich etwas schlimmes mit der Mutter passieren wird, wird dem Leser viel zu schnell klar. Die Hinweise sind einfach zu offensichtlich (anscheinend nur für den Leser, nicht für die Protagonistin).

Bei Hannah der Jüngeren (16 Jahre alt) erfährt der Leser, was so zu dem tragischen Vorfall vor 25 Jahren führte, dass Hannah einfach mit ihrer Mutter brach und zu ihrem Vater zog. Das bekommt man natürlich nur häppchenweise präsentiert, da Mutter und Tochter sich viel zu lange einreden, dass alles in Ordnung wäre. Spoiler: die Mutter säuft Alkohol ohne Ende

Das ist wohl auch der Regelfall bei Suchtabhängigen und deren Angehörigen: man blendet die Wahrheit aus. In diesem Fall wird die Wahrheit bis zum bitteren Ende des Buches ausgeblendet. Und das nervt: denn jedes Kapitel zu Hannah der Jüngeren bietet eine Episode der Verblendung. Der Leser möchte die Mutter sehr schnell in den Entzug schicken. Doch die Tochter sieht es lange anders. Die Beweggründe hierfür sind durchweg nicht nachvollziehbar. Auch vor 25 Jahren gab es Möglichkeiten, dass sie in ihrem gewohnten Umfeld hätte bleiben können.

Und was ist jetzt mit der großen Liebesgeschichte? Tja….. Die passiert leider nur am Rande. Denn die große Liebe kommt nur bei Hannah der Jüngeren vor. Und nach dem kurz beschriebenen ersten Zusammentreffen passiert zwischen den beiden auch nichts weiter. Außer das sich beide einig sind, dass es die große Liebe ist und der See (der Treffpunkt für die Beiden) ein wirklich magischer Ort sei. Alexander schreibt über die Jahre hinweg jährlich einen Brief an Hannah. Hannah die Ältere liest später vereinzelt diese Briefe. Und man kann es kaum glauben, dass Alexander 25 Jahre auf seine Liebe wartet. Einfach so. Hannah die Ältere bemüht sich nicht einmal um eine Suche nach Alexander oder wundert sich auch nicht, dass er (im Gegensatz zu ihr) immer noch Briefe schreibt. Natürlich bekommen wir hier ein kleines Happy End (kein Spoiler, da erwartbar). Aber man erfährt sehr wenig über Alexander in der Vergangenheit und von Alexander dem Älteren absolut nichts. Dass beide einfach so wieder dort weitermachen, wo sie 25 Jahre vorher aufgehört haben…. das erschließt sich mir nicht (gleicher Fall wie mit der Mutter). Entweder wusste die Autorin keinen richtigen Abschluss oder die maximale Seitenanzahl des Buches wurde erreicht.

Denn durchaus hätte das Buch weit gekürzt werden können. Der Schreibstil ist einfach und locker geschrieben. Doch leider nerven die Nebencharaktere (die permanent auftauchen, immer ihren Senf dazugeben müssen und zu gerne gemütlich Feiern wollen) mit all den Erklärungen und Wiederholungen. Ein Beispiel: Hannah die Ältere meint zu ihrer Mutter, dass die Nachbarin Erna meint, dass es bald regnen würde. Fünf Sätze später steht Erna vor Hannah der Älteren und der Mutter und erklärt, dass es bald regnen würde. Einmal hätte auch gereicht, oder?

Auch werden alle Taten, die die Charaktere tun erklärt. Das geht soweit, dass die Autorin meint, sich für die Taten der Nebencharaktere verteidigen zu müssen. Es wird so viel ins Detail erklärt, dass man gezwungen wird, irgendwann einfach querzulesen. Habe ich gegen Ende auch getan. Schade. Aber die Häufung der unnötigen Erklärungen, warum z.B. gerade dieser Kuchen gebacken wurde und nicht der andere waren überflüssig. Das brachte die Story nicht voran.

Zusammenfassend ist dieses Buch nichts für Leser, die hier eine tolle Liebesgeschichte erwarten. Es ist leider nur ein Drama über einen Suchtabhängigen und deren Angehörige. Da es doch ein Happy End auf der Liebesebene gibt, vergebe ich doch noch ganz knapp 3 Sterne.

3 Sterne

Aufbau Taschenbuchverlag – 413 Seiten (Taschenbuch) –  12,99€

ISBN 978-3-7466-3354-1


[1] Siehe Hillary Jordan – Die Geächteten

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